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2007-06-21

Spiegel-Online: Spähpanzer schützten Genmais

Von Matthias Gebauer

Neue Details über den Bundeswehreinsatz beim G-8-Gipfel kommen ans
Licht. “Fennek”-Panzer haben in Heiligendamm nicht Politiker bewacht, sondern
eine Genmais-Anlage. Die Grünen werfen der Regierung jetzt vor, das Parlament
belogen zu haben.

Fennek

Berlin – Im Verteidigungsausschuss, dem obersten Kontrollorgan für die
Bundeswehr, war am Mittwoch nicht allzu viel Zeit für Aufklärung. Nur 30
Minuten waren bei einem Termin am Armeestandort Munster eingeplant, in denen
der Verteidigungsstaatsekretär Thomas Kossendey die Parlamentarier über die
umstrittenen Missionen der Bundeswehr beim G-8-Gipfel informieren wollte. Am
Ende blieben viele Fragen offen. “Wir haben für kommende Woche einen
ausführlichen schriftlichen Bericht angefordert”, sagte der SPD-Politiker
Rainer Arnold, “vielleicht kriegen wir ja dann die Fakten auf den Tisch”.

In Berlin tagte gleichzeitig der Innenausschuss. Dort berichtete ebenfalls ein
Staatssekretär über den Einsatz der Bundeswehr rund um das Treffen der
mächtigsten Staatschefs der Welt.

Doch was als Auf- und Erklärungsrunde durch den Staatssekretär Christian
Schmidt gedacht war, endete mit neuer und noch schärferer Kritik. “Was wir
gehört haben, ist unakzeptabel”, sagte die grüne Innenpolitikerin Silke
Stokar. “Es gab weitere Verfassungsbrüche, und das Parlament wurde
absichtlich belogen.” Stokar kündigte an, die Grünen würden so lange weiter
bohren, bis die Wahrheit ans Licht komme.

Ausführlich berichtete Schmidt in der Sitzung über die Tornado-Flüge.
Insgesamt waren vor dem Gipfel sechs Mal Jets über dem Gebiet in der Luft.
Neben dem Camp nahe der Ortschaft Reddelich wurden noch weitere Protestlager
fotografiert. Nach den Foto-Missionen sei eine Kommissarin der “Kavala” zur
Bundeswehr gekommen und habe sich die benötigten Bilder ausgesucht, vermerkt
das Ministerium in seinem Bericht. Staatssekretär Schmidt betonte, die
Polizei habe immer nur Abzüge der Bilder erhalten, auf denen keine Details
wie Menschen oder Autokennzeichen zu erkennen gewesen seien.

Das Unterschreiten der Mindestflughöhe von 500 Fuß (rund 150 Meter) am 5. Juni
bezeichnete das Ministerium im Ausschuss als Fehler. Möglicherweise habe der
Pilot, der unter der Kennung “Pirat 2” über Reddelich hinweg donnerte, etwas
übereifrig seinen Auftrag erfüllen wollen und sei deshalb wegen der
Wetterlage etwa anderthalb Minuten auf einer Höhe von etwa 119 Metern an dem
Protest-Camp vorbei geflogen. Ziel sei nicht gewesen, Protestler auf dem
Boden einzuschüchtern. Wegen des Flugs, bei dem drei Bilder vom Camp und 16
weitere gemacht wurden, läuft bereits ein Vordisziplinarverfahren gegen den
Piloten.

Neun Spähpanzer im Aufklärungseinsatz

Was die Grünen jedoch noch mehr aufbrachte als die Bundeswehr-Tornados, waren
Details über die G-8-Mission von insgesamt neun Panzern des Typs “Fennek”.
Drei von ihnen waren innerhalb der Sperrzone rund um Heiligendamm im Einsatz,
die sechs anderen führten außerhalb des Zauns “Raumaufklärung” durch,
erläuterte das Ministerium. Durch ihre speziellen Fähigkeiten hätten die
Spähpanzer die Arbeit der Polizei sinnvoll unterstützt, so Schmidt im
Ausschuss.

Die Panzer, die vor dem Einsatz die Bordkanonen abgeschraubt bekommen hätten,
werfen nun neue Fragen über den Armee-Einsatz im Inland auf. So wurden zwei
der Fahrzeuge zum Schutz einer Genmais-Anlage nahe Heiligendamm eingesetzt.
Die anderen beobachteten von Autobahnbrücken Autos mit anreisenden
Demonstranten.

Was mit den möglichen Erkenntnissen von den Autobahnbrücken passierte, konnte
im Innenausschuss nicht abschließend geklärt werden. Der Schutz des Genmaises
sorgte im Ausschuss zunächst für Heiterkeit. Silke Stokar fand später
deutliche Worte. “Der Einsatz war keine Amtshilfe”, sagte sie. “So etwas kann
doch wohl auch ein Streifenwagen.”

Einsatz war für Mecklenburg-Vorpommern umsonst

Schwerer noch wiegen die Vorwürfe gegen die Informationspolitik der Regierung.
Die Grünen sind überzeugt, dass sie als Fraktion bewusst belogen wurden. So
kam im Innenausschuss heraus, dass die offizielle Anfrage auf Amtshilfe beim
Verteidigungsministerium schon am 13. März 2007 gestellt wurde. Als jedoch im
Mai mehrmals grüne Politiker konkret nach einem möglichem Einsatz der
Bundeswehr fragten, wanden sich die Vertreter des Ministeriums. Auf keine der
vielen Anfragen gab es die Antwort, dass die Bundeswehr mit Flugzeugen und
Panzern beim Gipfel aktiv wird.

Auch im Parlament und in den Kontrollausschüssen wurden zu keinem Zeitpunkt
die Pläne konkretisiert. Die Bundeswehr werde “überwiegend nur
Transportaufgaben” übernehmen, berichtete ein Ministeriumsvertreter im
Innenausschuss vom 23. Mai 2007. Bei einer Fragestunde im Plenum war sogar
von “ausschließlich Transportaufgaben” die Rede. Stokar kritisierte das
Verhalten scharf und kündigte Konsequenzen an. “Das Parlament ist belogen
worden und zwar ganz bewusst”, sagte Stokar. Für die Grüne tritt immer
deutlicher zu Tage, dass die Regierung den Einsatz nur durchgeführt habe, um
die Bundeswehr im Inland langsam zu etablieren.

Für das Land Mecklenburg-Vorpommern hatte der Gipfel-Einsatz der teuren Jets
und Panzer (Stückpreis immerhin 1,6 Millionen Euro) jedoch einen
einleuchtenden Vorteil. Im Gegensatz zu angeforderten Polizeikräften aus
anderen Bundesländern, die jede Stunde und jeden Mann penibel in Rechnung
stellen, war der Einsatz der Armee beim Gipfel kostenfrei.

[http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,489914,00.html]


Images:

Fennek
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