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2006-09-29

29.9.2006 Heiligendamm

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- Einladung zu MedienaktivistInnen-Treffen während der Anti-G8-Aktionskonferenz in Rostock vom 10.-12. November 2006

- IM Benjamin spitzelte im Hotel "Neptun"

- Heiligendamm: Ex-Hotelchef unter Stasi-Verdacht

- Stasi-Vorwurf ist Top-Thema

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Einladung zu MedienaktivistInnen-Treffen während der Anti-G8-Aktionskonferenz in Rostock vom 10.-12. November 2006

Wir - das Netzwerk Videoaktivismus (ein Netzwerk von VideoaktivistInnen) - möchten die Aktionskonferenz nutzen und zu einem parallel laufenden Treffen von MedienaktivistInnen (SchreiberInnen, FotografInnen, FilmerInnen, Techies ...) einladen.

Auf dem Treffen möchten wir zum einen lokale Medienstrukturen kennenlernen wie z.B. Medienwerkstatt, lokaler Hörfunk, Offener Kanal, etc. und Möglichkeiten des Zusammenarbeitens ausloten.
Zum andern laden wir bundesweit ein, und zwar indymedia, freie Radios, Nachrichtenplattformen, Printmedien , alle, die in der Anti-G8-Berichterstattung 'von unten' aktiv werden wollen und die die Mobilisierung gegen den G8 unterstützen.

Eine dritte mögliche Schiene wäre der Erfahrungsaustausch mit internationalen Gästen. Wir laden gezielt imc-Strukturen bzw. Einzelpersonen ein, die mit dem Aufbau von unabhängigen Medienstrukturen gegen die Gipfel der letzten Jahren beschäftigt waren, um uns darüber auszutauschen und davon zu lernen.
Ziel des Wochenendes ist es, ein Konzept zu entwickeln für eine lokale, bundesweite und internationale Zusammenarbeit von unabhängigen Medienstrukturen.
Wenn es bereits vergleichbare Initiativen gibt, beteiligen wir uns gerne daran.

Rückmeldungen bitte an: trojan(at)nadir.org

Organisatorische Details werden bei Rückmeldung zugeschickt.

[trojan(at)nadir.org]

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IM Benjamin spitzelte im Hotel "Neptun"

Schwere Vorwürfe gegen Thomas Klippstein. Der Ex-Chef des Grand Hotels Heiligendamm soll eine Stasi-Karriere hinter sich haben.

Rostock (OZ) "Es war immer wie ein Stück Zurückkommen", schwärmte Thomas Klippstein (44), Chef des Kempinski Heiligendamm, voriges Jahr bei seiner Verabschiedung. Damals wurde der gebürtige Rostocker nach Berlin abberufen, als Direktor des berühmten Hotels "Adlon". An eine ihm jetzt angelastete Episode seiner Rostocker Vergangenheit will Klippstein sich aber gar nicht erinnern: Wie die Zeitung "Die Welt" in ihrer heutigen Ausgabe berichtet, begann sie am 9. März 1988. Damals unterschrieb ein "Thomas Klippstein", Empfangssekretär im Hotel "Neptun" in Warnemünde, seine Verpflichtungserklärung als Stasi-IM. Deckname: "Benjamin".

180 Seiten dick ist die Personalakte des IM "Benjamin", zudem gibt es einen 80 Seiten starken Arbeitsband, in dem die Spitzelberichte enthalten sind.

Am 30. April 1988 etwa berichtete er seinem Führungsoffizier handschriftlich, dass sich zwei Kolleginnen von ihm, darunter eine Auszubildende, mit vier West-Berlinern unterhielten. Später spionierte er "verdächtige Personen" aus. Entsprechend seinem Auftrag ging er mit einem Mann "Bier trinken" und "Frühstück essen", um ihn auszuhorchen. Eine Frau, die den Wunsch äußerte, "doch lieber in der BRD sein zu wollen", verriet er ebenfalls an die Stasi. Als ein Kollege versuchte, West-Gäste vor der Stasi-Überwachung zu schützen, meldete "Benjamin" ihn.

Seine Stasi-Vorgesetzten bescheinigten "Benjamin" "Umsicht, Sorgfalt und Eigenintiative". Laut Akte sah er "die gesellschaftliche Notwendigkeit" für die "Unterstützung" der Stasi.

Das "Neptun", so war bereits gestern nach einem in der Nacht ausgestrahlten NDR-Fernsehbeitrag zu lesen, war zu DDR-Zeiten "ein geheimnisvoller Ort, an dem dubiose Geschäfte abgewickelt wurden". Der später unter mysteriösen Umständen umgekommene schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel feierte dort seinen 40. Gebrutstag.

An der Spitze des "Neptun" steht damals wie heute Direktor Klaus Wenzel. 2003 wurde er zum "Hotelier des Jahres" gekürt. Dass seine Gäste rund um die Uhr bespitzelt wurden, davon will Wenzel nichts gewusst haben. Dem NDR-Fernsehen gegenüber lehnte er ein Interview zu diesem Thema kategorisch ab. Auch andere Mitarbeiter von damals, die heute noch im "Neptun" arbeiten, sollen IM gewesen sein.

Hotelier Klippstein, der 1993 zu Kempinski stieß, war von der Eröffnung an Direktor des Grand Hotels in Heiligendamm. War er, wie von der "Welt" berichtet, der IM "Benjamin"? Dann hatte er sich noch im Oktober 1989, als sich der Fall der DDR bereits anbahnte, zur Bespitzelung von Sympathisanten des Neuen Forums bereit erklärt.

Der OZ gegenüber äußerte sich Klippstein gestern ebensowenig wie seine Sprecherin. Beide seien "in einem Meeting", bedauerte eine Mitarbeiterin der Hotel-Direktion des "Adlon".

Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (SPD) hatte Klippstein bei seiner Verabschiedung aus Rostock bescheinigt, sich bei der "Positionierung des Kempinski Grand Hotels Heiligendamm ausgezeichnet" zu haben. "Er hat Maßstäbe in der Tourismusbranche gesetzt und zudem international ein exklusives Aushängeschild für Deutschland geschaffen", so die Politikerin. Doberans Polizeichef Siegfried Trottnow bezeichnete ihn als "unkompliziert, ohne viel Schnörkel und Papierkram". "Er ist ein guter Typ", lobte Chefarzt Peter Kupatz vom Doberaner Moorbad. "Präzise, sehr verlässlich."

Pikant: Genau diese Eigenschaften schätzte die Stasi an ihrem IM "Benjamin"...

[Ostseezeitung 27.9.2006]

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Heiligendamm: Ex-Hotelchef unter Stasi-Verdacht

Rostock (OZ) Der ehemalige Direktor des Kempinski Grand Hotels Heiligendamm, Thomas Klippstein (44), soll inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit gewesen sein. Das berichten übereinstimmend die "Welt" und "Focus online".

Beide Medien berufen sich auf ihnen vorliegende Stasiakten, in denen ein 1962 in Rostock geborener Thomas Klippstein als Spitzel "Benjamin" geführt wird, dessen Karriere am 9. März 1988 mit einer Verpflichtungserklärung begann. Klippstein arbeitete zu dieser Zeit als Empfangssekretär im Hotel "Neptun" in Warnemünde. Ab 1993 war er für die Hotelgruppe Kempinski tätig und arbeitete u.a. in Thailand und St. Petersburg.

2002 übernahm Klippstein noch vor der Eröffnung 2003 das neue Grand Hotel in Heiligendamm und leitete dieses bis Mai 2005. Danach wurde er zum Direktor des renommiertesten deutschen Luxushotels, des Berliner "Adlon", berufen.

[Ostseezeitung 27.9.2006]

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Stasi-Vorwurf ist Top-Thema

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich in Heiligendamm die Nachricht, dass Thomas Klippstein unter Stasi-Verdacht stehen soll.

Heiligendamm Rund drei Jahre lang war Thomas Klippstein Hotelchef im Kempinski Grand Hotel Heiligendamm, bevor er als Direktor in das wohl bekannteste Luxus-Hotel Deutschlands, ins Adlon nach Berlin, berufen wurde. Deshalb ging die Nachricht des Tages, "Ex-Hotelchef unter Stasi-Verdacht" gestern in Heiligendamm und Umgebung wie ein Lauffeuer herum.

Nicht nur Einheimische, auch Touristen und Hotelchefs, die OZ befragte, äußerten sich differenziert und zurückhaltend: "Die angebliche Stasi-Vergangenheit hat mit seinem fachlichen Können eigentlich nichts zu tun", so Wolfgang Lindemann, Direktor vom Ostseehotel Kühlungsborn. "Ich denke, jeder Mensch macht Fehler. Herr Klippstein hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er fachlich und menschlich in Ordnung ist. Solch ein Verdacht ist immer schlimm. Denn selbst wenn er unbegründet sein sollte, bleibt immer irgendwas hängen. Selbst wenn er stimmen sollte, weiß man nichts über die Umstände, warum es dazu gekommen ist."

Auch für Elli Kuhn aus Bad Doberan hat die angebliche Stasi-Vergangenheit des Ex-Hotelchefs nichts mit seiner Arbeit zu tun. "Es wäre schade, wenn er jetzt berufliche Nachteile hat, denn er hat seinen Job sehr gut gemacht, sonst hätte man ihn nicht nach Berlin geholt. Sollte sich der Verdacht bestätigen, müsste er allerdings schon dafür geradestehen, wenn er jemand in seinem Umfeld geschadet hat."

Die Touristen im ältesten Seebad Deutschlands machen sich ebenfalls Gedanken um den Hotelchef: "Sollte er nur deshalb Karriere gemacht haben, weil er vielleicht für die Stasi gearbeitet hat, dann wäre das nicht in Ordnung", meint Veronika Steinbeck aus Magdeburg. Brigitte Hanßen aus Hannover winkt ab: "Es war doch in der Vergangenheit, die Wende ist inzwischen 16 Jahre her. Man kann die Stasi-Geschichten inzwischen nicht mehr hören." Für die ehemalige Lehrerin Lotte Knuths steht fest: "Selbst wenn der Verdacht stimmt, sind viele Jahre vergangen. Wäre er nicht nach der Wende sehr tüchtig gewesen, hätte er es nicht so weit gebracht." Das sieht Walter Vogt aus Stuttgart ganz anders: "Sollte er Menschen aus seinem Umfeld an die Staatssicherheit verpfiffen haben, dann gehört er in keine höhere Position, kann kein Vorbild für andere sein."

Während die Leute in Heiligendamm diskutieren, hält sich das Grand Hotel heraus: "Wir äußern uns dazu nicht", stellte Pressesprecherin Frauke Müller klar.

[Ostseezeitung 28.9.2006]