Auswertung des ATS (Activist Trauma Support) Gleneagles

aus Dissent! Network Wiki, der freien Wissensdatenbank

Activist Trauma Support

Auf dem G8 2005 in Gleneagles

www.activist-trauma.net: [1]

Gegenseitige Unterstützung angesichts der Repression

Wenn wir als Bewegung effektiv sein wollen, ist es notwendig, dass wir uns gegenseitig im Fall von Repression unterstützen können. Wir müssen uns bewusst machen, dass das was wir tun uns schaden und sogar lebensgefährlich sein kann. Dies soll niemanden abschrecken: im Gegenteil. Aber wir müssen uns der Realität stellen, mit unseren Ängsten umgehen und unsere eigene Unterstützung organisieren, um der Repression entgegenzuwirken.

Während die “Post Traumatische Belastungsreaktion (PTBR)? in der Mainstream-Gesellschaft langsam ernst genommen wird, (Feuerwehrleute, RettungssanitäterInnen, sogar die Bullen machen nach belastenden Einsätzen psychologische debriefings), ist es umso erstaunlicher, dass wir als Aktivist_innen immer noch glauben, wir könnten Situationen von Bullengewalt, Angst und Ohnmacht erleben, ohne eine emotionale Reaktion zu erleben. Und tatsächlich klappt das oft nicht.

Die Reaktionen sind unterschiedlich; jede_r hat eine eigene Art damit umzugehen. Das Ausmaß der Reaktionen ist auch unterschiedlich, und kann dazu führen, dass Leute aussteigen, sich nie mehr blicken lassen, nicht mehr aktiv sind, sich ausgeschlossen fühlen weil sie Angst haben oder weil die unter einer „Posttraumatischen Belastungsstörung“* (PTBS) leiden. Innerhalb der Bewegung fehlt oft ein Verständnis für und eine Anerkennung dieser Prozesse. Selbst nach schrecklichen Vorfällen, wie der in der Diaz-Schule in Genua, bekamen die Opfer nicht genug emotionale Unterstützung. Langfristig litten viele mehr unter den emotionalen Folgen als unter der körperlichen Verletzungen. Es ist wichtig zu verstehen, dass emotionale Wunden oft weiter schmerzen und an den Kräften zehren, wenn die körperlichen Wunden schon längst verheilt sind, und dass es eine normale Reaktion ist, wenn Menschen, obwohl sie körperlich nicht verletzt wurden trotzdem psychisch unter ihren Erlebnissen leiden.

  • der Begriff “Störung? ist umstritten. Die psychologischen Reaktionen auf ein traumatisches Ereignis sind keine „Störung“ sondern normal. Der Begriff wird hier benutzt, um zu unterscheiden zwischen einer Post-traumatischen Belastungsreaktion, die innerhalb von 4-6 Wochen von allein weggeht, und der Post-traumatischen Belastungsstörung, bei der die Symptome auch danach noch anhalten.

Sich nicht Unterstützt zu fühlen macht die Dinge noch wesentlich schlimmer. Wenn die Bullen uns brutal behandeln, sind wir normalerweise nicht überrascht, aber was wirklich niederschmetternd sein kann, ist zu wenig Unterstützung von unseren Freund_innen nach dem Ereignis. Das Gefühl im Stich gelassen zu werden kann zu einer sogenannten „sekundären Traumatisierung“ führen und kann in den Folgen schlimmer sein als das ursprüngliche traumatisierende Ereignis, da unsere Grundüberzeugungen in Frage gestellt werden. Für die Unterstützung ist es nicht notwendig „Expert_in“ in Traumaarbeit zu sein, aber es ist wichtig, Verständnis und Solidarität zu zeigen.

Es ist nicht nur Polizeigewalt, die ein Psychotrauma auslösen kann – laut Statistik waren 1 von 4 Frauen und 1 von 6 Männern schon ein- oder mehrmals sexuellen Übergriffen ausgesetzt, und Tausende werden Opfer von Verkehrsunfällen. Im Prinzip kann jede gefährliche Situation, in der die natürlichen Reaktionen von Flucht oder Kampf nicht möglich sind, zu einer Traumatisierung führen. Es ist wichtig daran zu denken, dass einige von uns schon Erlebnisse dieser Art hatten und immer noch alte Traumatisierungen mit sich tragen, während sie schon wider neuen ausgesetzt sind.

Polizei und Gefängnispersonal sind darauf spezialisiert, absichtlich traumatisierende Bedingungen zu schaffen, die insbesondere Widerstand brechen sollen. Schläge, Verhaftungen, Isolationshaft, Drohungen, Lügen,… Ihre Versuche zielen darauf ab, Angst zu erzeugen, in unsere Köpfe zu gelangen und uns daran zu hindern, wieder aktiv zu werden. Wir haben den Eindruck, dass innerhalb der Bewegung über diese Art von „innerer Zensur“ zu wenig gesprochen wird und der Umgang damit fehlt. Was hindert uns daran, zu schaffen, was wir schaffen wollen? Manchmal reale Hindernisse – und oft unsere Angst. Ihre Strategie ist psychologisch – sie schlagen eine_n von uns zusammen und hundert kriegen Angst und fühlen sich blockiert. Und vielleicht geht die/der eine, die/der zusammengeschlagen wurde nie wieder zu Aktionen. So funktioniert Repression. Und darum sollten wir anfangen darüber zu reden, was wir dagegen tun wollen.

Die Macht der Repression ist in ihren Händen – je erfolgreicher wir in unserem Widerstand sind, umso starker wird die Repression – aber es liegt in unseren Händen, wie wir darauf antworten. Was machen wir mit unserer Angst, was machen wir mit unseren Schmerzen, wie können wir uns gegenseitig unterstützen und unsere Solidarität zeigen? Und wie können wir, als Aktivist_innen, anfangen, eine Welt zu entwerfen, in der wir stark und gleichzeitig verletzlich sein dürfen, wo unser Bedürfnis nach Unterstützung respektiert wird und nicht pathologisiert, wo Kämpfer_innen auf sich und auf anderen aufpassen.


Trauma support ist Teil des Widerstands

Der Activist-Trauma Support (ATS) wurde 2005 begonnen, um vor allem während und nach dem G8 in Schottland emotionale Unterstützung anzubieten. Vorangehende Erfahrungen haben gezeigt, dass während die selbst organisierte medizinische Hilfe für Opfer von Polizeigewalt sehr gut organisiert war, es auf der psychologischen Ebene keine Hilfe gab.


Die Arbeit während des G8

Für einige kam die Idee des ATS nach den Erfahrungen von der Aktion gegen den G8 in Evian 2003 an der Aubonne Brücke.(www.aubonnebridge.net). In Aubonne wurde eine Person körperlich schwer verletzt – und bekam viel Unterstützung. Aber einige andere hatten unterschiedlich schwere Psychotraumata und bekamen nicht die Hilfe und Unterstützung, die sie gebraucht und verdient hätten. Das war der Punkt, an dem wir erkannten, dass es dringend Informationen, Unterstützung und Sensibilisierung braucht. In der Vorbereitung für Gleneagles wurde ein 6-tägiges Training mit einem professionellen Trainer des Vereins ASSIST, der sich auf Trauma spezialisiert hat, organisiert. (www.traumatic-stress.freeserve.co.uk). Die meisten der Teilnehmenden, plus einige neue Leute danach, organisierten den Activist Trauma Support für den G8 in Schottland. So weit wir wissen war es das erste Mal, dass während einer großen Mobilisierung auch an Trauma Support gedacht wurde. Es war ein neues Feld, es konnte nicht auf vorherige Erfahrungen zurückgegriffen werden und wir verbrachten im Vorfeld viel Zeit mit dem Versuch, herauszufinden, was notwendig und hilfreich sein würde.

Am Ende teilte sich die Gruppe für emotionale erste Hilfe zwischen dem Camp in Stirling, wo ein großes „Erholungs-Zelt“ („recovery dome“) aufgebaut wurde und Edinburgh im Forest Café, im Erdgeschoss des Indymedia Centre, wo auch eine Telefon-Hotline für Vermisste und die Unterstützung für Gefangene und Freundinnen organisiert wurde. Beide Gruppen hatten eine 24h Telefon-Hotline. Im Erholungs-Zelt gab es einen ständigen Strom an Menschen, die kamen, um mit jemandem über das zu reden, was passiert war, um eine Massage zu erhalten (was oft den gleichen Zweck erfüllte), um einen ruhigen Platz zu finden, an dem sie weinen, sich zurückziehen oder sich mit einer Tasse Tee und einer Decke beruhigen konnten. Einige Leute kamen einmal, andere mehrmals. Es scheint, dass allein unsere Anwesenheit bei vielen Leuten bekannt war und dass das für manche schon beruhigend war, selbst wen sie das Zelt nicht in Anspruch nahmen – eher so wie die Sicherheit, die es einer/einem gibt, wenn du weißt, dass es ein Erste Hilfe Zelt gibt. Das Erholungs-Zelt war in einer ruhigen Ecke des „Öko-Dorfes“ („eco-village“) aufgebaut und war dort Teil eines Heilungs-Bereichs, der ein wenig Raum und Ruhe am Rande von sehr regen Aktivitäten bot.

Im Büro in Edinburgh gab es telefonische und persönliche Unterstützung, aber es stellte sich heraus, dass dies weniger notwendig war als auf dem Camp. Deshalb fingen wir an uns mit Trauma Prävention zu beschäftigen – indem wir Gefangene unterstützten (mit Postkarten, Geld, Besuchen) und deren Freund_innen halfen (Telefone zur Verfügung stellen, um Familien, Rechtsanwält_innen, Polizeistationen, Botschaften anzurufen…). Das war ursprünglich nicht als Teil unserer Arbeit gedacht, aber es stellte sich als sehr hilfreich heraus. Wir denken auch, dass es wirksam dazu beigetragen hat, die Unterteilung in „Trauma Unterstützung“ (was ziemlich dramatisch und abschreckend klingt), Gefangenenunterstützung und „Allgemeiner Unterstützung“ aufzuheben. Wir wollen Trauma normalisieren und ent-stigmatisieren, aber wir erkennen, dass das noch ein langer Weg ist.

Wir haben auch erkannt, dass das erste, was Leute nach belastenden Erfahrungen brauchen ist, ihre Freund_innen zu sehen, und in solchen Situationen ist es oft schwierig sie zu finden, was für sich allein schon sehr aufwühlend sein kann. Aus diesem Grund haben wir eine Telefon-Hotline für vermisste Personen eingerichtet, die in enger Zusammenarbeit mit dem legal team betreut wurde. Das trug auch dazu bei, dass deren Telefonanschlüsse weniger blockiert wurden durch Leute, die anriefen, um etwas über ihre Freund_innen zu erfahren.

Was Informationen anbelangt haben wir die Seite www.activist-trauma.net aufgebaut, Flyer gedruckt und verteilt über unser Angebot und darüber, was zu tun ist nach brutalen Erlebnissen, sowie eine 6-Seitige Broschüre über PTB“S“. Außerdem gab es verschiedene Flyer mit Informationen und Tips für Freund_innen und Familie von Leuten, denen es schlecht geht, über Möglichkeiten, Unterstützung anzubieten und darüber, wie mensch eine PTB“S“ vermeiden kann. Wir haben auch ein paar Workshops angeboten, aber es hätten mehr sein sollen und sie hätten besser vorbereitet werden sollen.

Die langfristige Unterstützung nach dem G8 über Telefon, email und persönlich war weniger als wir erwartet hatten, (wir sind nicht sicher, ob es nicht gebraucht wurde, oder ob Leute diese Möglichkeit nicht nutzen wollten oder ob wir es nicht genug bekannt gemacht hatten), aber der Zugriff auf unsere Web-Seite war nach dem G8 sehr hoch. Wir haben auch angefangen, eine öffentliche Sammlung von Kontakt- und Unterstützungsmöglichkeiten ins Netz zu stellen, wo Leute, die Hilfe brauchen Leute finden können, die unterschiedliche Arten von Hilfe anbieten.


Erfahrungen, Lehren und Schlussfolgerungen

Nach einem Monat hatten wir ein internes Wochenende mit dem Ziel, ein „debriefing“ durchzuführen und uns unsere Gruppendynamiken anzuschauen um dann unsere Arbeit für andere Leute, die diese Arbeit tun wollen, zu evaluieren. Es gab eine generelle Übereinstimmung, dass alle die Arbeit gern getan haben: sie schien nützlich, geschätzt und es ist schön zu merken, dass es jemandem tatsächlich besser geht, nachdem sie/er mit dir gesprochen hat.

Interne Gruppendynamiken sind oft kompliziert und das gilt besonders, wenn Menschen schon in der Vergangenheit traumatisiert worden sind, wie es in unserer Gruppe bei allen auf die eine oder andere Art der Fall war. Gipfel-Proteste sind im besten Fall stressige Situationen, sie rufen die Erinnerungen der Leute an vergangene traumatische Situationen hervor. Hinzu kam, dass viele der Leute sich gegenseitig nicht wirklich kannten und dass sie sehr unterschiedliche persönliche und berufliche Hintergründe und Einstellungen hatten.

Daraus haben wir geschlossen, dass es für eine zukünftige Trauma-support Gruppe besser wäre, sich im Vorfeld besser kennen zu lernen und zu versuchen, eine Vertrauensbasis und ein Gruppengefühl zu schaffen, weil es wichtig ist, aus der Gruppe Kraft zu schöpfen und sich nicht mit internen Konflikten herumschlagen zu müssen. Es wäre evtl. gut gewesen, eine_n externe_n Supervisor_in vor Ort zu haben, die/der von der Gruppe unabhängig ist und den Unterstützer_innen Unterstützung hätte geben können und wenn nötig Gruppen Supervision.

Von Anfang an war uns klar, dass wir emotionale Erste Hilfe anbieten und nicht Therapie oder psychologische Beratung, weil ein Camp mit Polizei vor der Tür nicht der richtige Ort dafür ist, und weil Therapie sowieso ein längerfristiges Projekt ist. Es stellte sich heraus, dass es nicht einfach ist, diese Grenze zu ziehen und dass es mit unterschiedlichen theoretischen Orientierungen auch unterschiedliche Meinungen darüber gibt. Für zukünftige Arbeit denken wir, es wäre wichtig, dieses Thema im Vorfeld genauer zu untersuchen und sich auf einige Grundregeln zu einigen.

Es stellte sich heraus, dass Trauma Support sehr eng gefasst ist und am Ende umfasste unsere Arbeit auch andere Aspekte geistiger Gesundheit. Es ist schwierig hier die Grenze zu ziehen und wir erkennen einen Bedarf an weiter-gefasster selbstorganisierter Unterstützung der geistigen Gesundheit in unseren Bewegungen, aber gleichzeitig fehlten uns die Ressourcen und wir konnten uns hauptsächlich nur auf Trauma fokussieren. Es wurde auch klar, dass trauma support während einer großen Mobilisierung nicht auf Polizeigewalt reduziert werden kann, weil die repressive Umgebung alle möglichen alten Traumata in Erinnerung rufen kann, wie sexueller Missbrauch in der Kindheit, Vergewaltigungen und andere früheren Erlebnisse von Gewalt. Bei emotionaler Erster Hilfe ist es wichtig im Kopf zu behalten, dass die Person, mit der du sprichst möglicherweise unterschiedliche ältere Traumata mit sich herumträgt. Auch brauchen unterschiedliche Menschen unterschiedliche Dinge, deshalb ist es wichtig, sich auf die spezifischen Bedürfnisse der Leute und ihre unterschiedlichen Arten, damit zurecht zu kommen, einzustellen.

Es gibt auf jeden fall einen Bedarf an genereller Unterstützungsarbeit – Tee, Massage, ein ruhiger Raum und Decken können einen riesigen Unterschied machen und auch burn out (eine längerfristige emotionale Erschöpfung) verhindern. Die Folgen von Schlafmangel werden zum Beispiel stark unterschätzt.

Es schien hilfreich, diese Arten genereller Unterstützung mit dem trauma support zu verbinden, vor allem weil viele Leute ein komisches Gefühl dabei hatten, zu einer Art „Trauma Zelt“ zu gehen (es wäre auch interessant zu schauen, aus welchen unterschiedlichen Gründen Leute nicht gekommen sind). Es ist eine längere Diskussion, wie es zu schaffen ist, trauma support für so viele Leute wie möglich „mental“ zugänglich zu machen. Kooperation mit der Gefangenenhilfe und den EAs, Kooperation mit genereller Unterstützung („welfare services“), Kooperation mit Sanis, es gibt viele Verbindungen, wo Leute einsteigen können. Letztendlich ist es wichtig, ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen und zu versuchen es zu de-stigmatisieren indem wir es immer wieder ansprechen, indem wir deutlich machen, dass diese Reaktionen normal sind und indem wir Unterstützung für alle erreichbar machen.

Wir denken, dass wir es geschafft haben, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen. Hoffentlich wird es ein regulärer Aspekt des Aktivismus, ähnlich den EAs und Sanis. Es könnte aber sein, dass es eine lange Zeit braucht, um die Kultur in unseren Bewegungen so zu verändern, dass sie wirklich unterstützend wird, wo wir uns nicht schämen für das was wir fühlen und wo wir sicher sein können, respektiert und unterstützt zu werden indem, was wir durchmachen. Wir hoffen, dies ist ein erster Schritt und eines Tages wird es genauso normal sein, sich emotionale Unterstützung zu holen, wie zu den Sanis zu gehen und dass das Stigma eines Tages überwunden sein wird – hoffentlich nicht nur was traumatischen Stress angeht, sondern auch in Bezug auf geistige Gesundheit insgesamt.

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