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01.06.2007

Geranien für G8

Eine Reportage von Kuno Kruse

Ortstermin Mecklenburg: G8-Gegner richten Camps ein und verbrüdern sich mit den lokalen Bauern. Attac hat eine DDR-Platte bezogen, ein Rostocker bietet vor der Tür Gasmasken an. Und überall ist die Polizei. Die alles weiß und alles kontrolliert.

Bauer Klaus-Uwe Wißotzki von der Agrar-AG ist froh, dass er die Kühe noch von der Weide geholt hat. “Sonst wären sie womöglich in der Suppe gelandet.” Alle lachen, Dorfbewohner und Anti-G8-Camper. Es ist Spaß. Seit Stunden sitzen sie auf Holzbänken bei Bier und veganischem Eintopf. Das Meer glänzt in der Abendsonne.

Die Besuchergruppe aus dem 300-Seelen-Gemeinde Wichmannsdorf hat “richtige Freude” an der Führung durchs G8-Camp auf ihrem frisch gemähten Hoppenberg. “Die ganze Wiese so schön bunt,” sagt einer der Alten mit Bügelfalte. Zirkuswagen und Zelte, Holzwohnmobile auf LKW-Oldtimern, eine “Volxküche” mit ihren den Riesenkesseln. Etwas fremd waren sie den Mecklenburgern anfangs schon, diese Wendländer mit ihren Rasta-Haaren und Ringen durch den Nasen, viele barfuß. “Aber wie flink sie das Gemüse schnippeln.” Und: “Es ist doch schön, dass sich immer noch Menschen finden, die sich engagieren.”

Fließend Wasser, Strom, Komposttoiletten hinter Schilftüren mit Seeblick, und nun auch noch ein selbst gelegter DSL-Anschluss, den das nahe Wichmannsdorf noch immer nicht bekommen hat. “Perfekt,” staunt die junge Besucherin mit der Gabbana-Brille aus dem Seebad Kühlungsborn.

“Alles Routine”, sagt ein Camper, “genau wie das Demo-Verbot. Das haben wir im Wendland jedes Jahr. Gut, dass das hie einmal zur Sprache kommt.”
Polizei, Camps und fromme Wünsche

Zottelig, aber friedlich

Noch ein paar Flaschen Rostocker Pils und die Bauern mit den Kraftpranken und die Nickelbrillenträger aus dem Widerstand sind sich eins in der Skepsis gegenüber dem G8-Gipfel. Und dass das Seebad Heiligendamm sowieso nichts ist für das gemeine Volk. “Zehn Euro die Tasse Kaffee, und dann wirst Du vom Rasen vertrieben.” Die Themen gehen nicht aus. Ökoland- oder Flächenbau, das irrende Wild, dass wegen des Zauns seine Pfade nicht mehr findet, das Brauchwasser von den Duschen im Camp. “5000 Liter?” Einer der Bauern winkt locker ab. Er verspricht: “Morgen bringe ich Euch den großen Jauchewagen.”

Was hatten “die Medien” für Furcht vor diesen G8-Gegnern verbreitet! Die Nachrichten waren voll vom bevorstehenden Ansturm der Krawallmacher. Die Ostseezeitung kolportierte Gerüchte über eine mögliche Lahmlegung der Wasser- und Stromversorgung der Stadt Rostock durch G8-Gegner. Und die Versicherung der Polizeiführung, niemand brauche die Stadt zu verlassen, notfalls würden vor jede Tür zwei Beamte gestellt, konnte nicht jeden in der Region beruhigen. Hatte die Polizei nicht selbst auf Handzetteln empfohlen, Warenauslagen, Möbel und Schlösser zu sichern?
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Zwölf Millionen Euro für die Mauer

“Hast Du Dir Gas-Spray besorgt oder wenigstens einen Knüppel”, das, sagt einer der Wichmannsdorfer, seien tatsächlich brennende Fragen im Nachbarschaftsgespräch gewesen. Kopfschütteln nun und wieder ein Lachen. Denn jetzt hatte jeder eine nette Einladung ins Camp im Briefkasten liegen gehabt. “Dass man sich jetzt so versteht”, sagt einer der Älteren, der seine Frau gar nicht wieder von den zotteligen Jungs losreißen kann, “das haben die hier erreicht, nicht die offizielle Seite.”

Die offizielle Seite ist im Premierenfieber. Der Zaun um Heiligendamm – zwölf Kilometer im Halbkreis, alle zweieinhalb Meter ein Betonblock, samt Lampenmasten und Kameras zwölf Millionen Euro schwer – ist jetzt geschlossen, an jeder Kreuzung gelangweilte Polizisten, Stunde und Stunde rücken weitere grüne Fahrzeugkolonnen an. Polizeiboote, Kriegsschiffe und Aufklärungsflugzeuge. Ein kurzer Moment der Aufregung im Polizeifunk. Aber schon vertreibt der Hubschrauber den Motor-Drachenflieger, der sich ungebührlich Heiligendamm näherte. Berittene Polizei wird zum beliebten Fotomotiv.

Freundliche Personen und Fahrzeugkontrollen an den Schleusen, Unterbodenspiegelung und Scanner-Aufnahmen, Hunde, Metalldetektoren, das übliche Flughafenprocedere. Eilig bepflanzen Gärtner die letzten Straßen-Barrieren aus Betonkübeln mit Geranien.
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Die “Kavala” weiß alles

Pressehallen aus weiß strahlender Plane, Aluminium, Glas und edlem Holz, riesig wie das Bundeskanzleramt, erwarten in Kühlungsborn 5000 Journalisten. Die Schmalspurbahn “Molly” wird die Weltpresse zu den Verlautbarungen der mächtigen Acht in das sechs Kilometer entfernte Heiligendamm schaufeln. Die Gleise sind mit Nato-Draht gesichert.

Seit Weihnachten 2005 hat sich die Event-Einheit der Polizei, “Kavala”, auf den Gipfel vorbereitet. Den Namen hat sich der Chef ausgedacht, Polizeidirektor Knut Abramowski, ein Griechenlandliebhaber, wie in der Journalisten freundlich zur Verfügung gestellten Biografie nachzulesen ist. So heißt eine Stadt am griechischen Meer, die – allerdings nicht ganz – so weiß strahlt wie Heiligendamm. 17.000 Polizisten kommen zum Einsatz, das sind fast so viele Menschen, wie in der Region um den Austragungsort des rein informellen Politikertreffens leben.

Seit Monten legte die Kavala ihr Spionage-Netz über die ganze Republik. Alle Informationen liefen an der Ostsee zusammen: Zwei Anti-G8 Plakate in einer Unterführung im schwäbischen Schorndorf, Bezugsgruppenfindung an der Uni Feiburg, Straßentheater in Ulm, ein Vortrag in Erlangen, angekündigt in der sozialistischen

Hochschulzeitung, Fahrradsternfahrt in München, Infoveranstaltung im Berliner Szenelokal “Vetomaat”, Infostand auf einem Parkplatz im brandenburgischen Straußberg, Mahnwache auf der Bremer Domtreppe, Pappmaschépuppenbau-Workshop in der “Roten Flora” in Hamburg. Im schleswig-holsteinischen Ahrensburg wurden zwei CDU Plakate überklebt, und überall im Lande Schmierereien mit schwarzem Edding, auf einer Hauswand in München ein Anarcho A. Nichts sollte den Polizeispähern entgehen. Alles wurde nach Rostock gemeldet: Vorträge in Herford, Paderborn, Essen, Chemnitz, Leipzig und Magdeburg, Kapitalismuskritik in Erfurt, ein “warm-up” der Verdi-Jugend in Hagen. Pax Christi in Horheim hat schon einen Bus gechartert, auch der DGB in Hannover. Eine Schülerzeitung an der Windschutzscheibe eines Polizeifahrzeugs in der Nordheide wurde sichergestellt. Der Beamte brauchte ja auch nur ins Internet zu sehen: Fahrradkarawanen aus allen Himmelsrichtungen. Selbst aus Ungarn, Belgien, Skandinavien.

Attac-Zentrale in der DDR-Platte

Und so viele Gefährdungspunkte liegen rund um Heiligendamm: Die Tierversuchsanstalt in Rostock-Dummerstorf, die Gen-Maisfelder in Groß-Lüsewitz. In Rostock wurde ein ganzer Gefängnistrakt frei geräumt, die Kliniken sind vorbereitet, 70 Schwerverletzte aufzunehmen.

Auf der anderen Seite: Im “Convergence-Center” der Anti-G8-Bewegung in Rostock wird in den Tagen vor den Großdemonstrationen noch immer improvisiert. Junge Leute hängen am Hörer und telefonieren Busunternehmen ab. Es ist kaum noch ein Fahrzeug aufzutreiben.

Diese “Attac”-Zentrale ist eine stillgelegte Schule, DDR-Platte, kurz vor dem Abriss, nun farbenfroh bepinselt, im Hofbeton ein Stern als neues Fliesenmosaik. Darauf werden Plakate gemalt und Fahrräder geschweißt. Ein älterer Rostocker bietet an der Einfahrt aus seinem Auto-Kofferraum alte NVA-Gasmasken an, unbenutzt und voll funktionsfähig. Er wirbt: “Zum Eigenschutz!” Und: “Sollte man immer zu Hause haben.” Auch wenn jetzt Kolonnen rucksackbepackter G8 Gegner an ihm vorbeiziehen, bleibt die Nachfrage aus.

Von der Schule werden die Anreisenden weitergeschickt zu den Camps. Das größte liegt gleich in Rostock am Fischereihafen. Hier suchen die ersten selbsternannten Ordnungshüter der radikalen Bewegung den Anschluss an stalinistische Traditionen und verscheuchen Journalisten vom Gelände. Andere versuchen verlegen zu beruhigen: “Da haben wir noch Diskussionsbedarf.”
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Drei geklaute Fahrräder

Ganz offen dagegen das Camp in zwanzig Kilometer entfernten Reddelich. Hier haben zupackende Zimmerfrauen und -männer seit einer Woche gegen alle Hindernisse ein Lager auf eine Wiese im Gewerbegebiet gesetzt. Das Material war knapp, der Bauer hat für das Mähen der Wiese ordentlich zugelangt und die Kosten für den Wasser Anschluss des erschlossenen Geländes waren deutlich überzogen. Da war es nett, dass ein paar Polizisten vorbeikamen und den wilden Gesellen in der Zimmermannskluft, die von Flensburg bis zur Schweiz angereist waren, ihre Fresspakete schenkten. Seit Wochen im Einsatz waren die Beamten ihrer Proviantbeutel überdrüssig.

Regenschauer und Geldmangel haben den Handwerkern für einen Moment die Laune verdorben. Ruckzuck wurden aus rohen Stämmen Tische und Bänke, ragte ein stattlicher Aussichtsturm hoch über das Gelände. Zelt für Zelt wächst seitdem das Lager der fröhlichen Zimmerleute.

Im Wichmannsdorfer Camp geht die Sonne langsam unter. Eine Leinwand wird aufgestellt. “Die hat den weißen Riesen auch lange nicht gesehen”, sagt Bauer Wißotzki und hat wieder die Lacher. Die letzten Gäste sehen sich den kurzen, selbst gedrehten Film von der Anreise der Wendländer an. Fünf Stunden wurde der Treck von der Polizei festgehalten. Die Straße war blockiert. Wagen für Wagen wurde durchsucht, Protestierende gefesselt. Begründung: “Gefahr im Verzug.” Der Vorwand: Möglicher Fahrräderdiebstahl. Die Wendländer hatten achtzig alte Räder geladen, für die Bewegungsfreiheit der Anreisenden rund um Heiligendamm. Die Polizeiaktion war ein Erfolg: Es wurde tatsächlich unter den vielen gespendeten Räder drei gefunden, die vor Jahren einmal gestohlen worden waren. Der Kavala entgeht nichts.