2009-04-03 

REPORTAGE: Anti-NATO-Aktivisten sammeln sich in Protest-Camp

Straßburg (AFP) - Zwei junge Männer in schwarzer Kluft studieren ein Brett, auf dem die Termine für die nächsten Blockadetrainings zu lesen sind. Etwas weiter bildet sich vor der Essensausgabe eine Schlange, auf dem Speiseplan steht Gemüsesuppe. Einen Tag vor dem Auftakt des NATO-Gipfels füllt sich das Protest-Camp auf einem Feld am Straßburger Stadtrand zusehends. Gut 2500 Gipfelgegner seien schon da, sagt Kris, einer der "Pressebetreuer". "Bis Freitag werden es sicher 5000 sein", erwartet er.

Bild: Camp Strasbourg

Neben Kris versucht ein Franzose namens Ben ungehaltene Reporter zu besänftigen. Ihr Wunsch, sich mit Kameras und Fotoapparaten frei im Zeltlager zu bewegen, wurde von den Organisatoren abschlägig beschieden. Allenfalls in Begleitung eines "Pressebetreuers" sei dies möglich, erläutert der junge Mann. Er ist Mitglied der militanten Bewegung "Dissent", die im Internet zu massiven Störaktionen aufruft. Journalisten ohne Kameras erhalten schließlich die Erlaubnis, sich umzusehen.

Doch an mehreren Orten des in "Viertel" aufgeteilten Camps machen Schilder mit der Aufschrift "Keine Presse" klar, dass neugierige Reporter nicht willkommen sind. Vor einem Zelt diskutieren ein paar junge Männer über die Demonstrationsroute, welche die Straßburger Präfektur für die am Samstag geplante Großkundgebung bewilligt hat. Demnach sollen sich die Gipfelgegner mit einer rund sieben Kilometer langen Schleife im Gebiet des Rheinhafens zufrieden geben - weit weg von der Innenstadt und dem Tagungsort, dem Straßburger Kongress-Zentrum.

"Das ist lächerlich", kommentiert Kris. "Wir wollen gehört und gesehen werden, sonst hat es keinen Sinn zu demonstrieren". Angesichts der restriktiven Auflagen seien Störaktionen nun unvermeidlich, sagt Hans, der aus Belgien angereist ist. Geplant seien Straßenblockaden an "fünf bis sechs strategischen Punkten" auf dem Weg zum Kongresszentrum. Die 28 Staats- und Regierungschefs könnten zwar mit Hubschraubern bis zum Tagungsort gebracht werden, nicht aber die Hundertschaften von Delegationsmitgliedern. "Wenn wir den Gipfel schon nicht verhindern können, wollen wir ihn wenigstens stören".

Nicht alle im Protest-Camp wollen sich freilich an solchen Aktionen beteiligen. "Ich will nur friedlich gegen die NATO demonstrieren", versichert eine 70-jährige Rentnerin aus Brandenburg. Sie ist Mitglied der Bürgerinitiative "Freie Heide", die seit Jahren gegen einen nördlich von Berlin geplanten Schießplatz der Bundeswehr mobil macht.

"Mit denen will ich nichts zu tun haben", sagt auch ein Frührentner aus Freiburg. Er zeigt auf eine Gruppe schwarz gekleideter und vermummter junger Männer, die von mehreren Hunden begleitet werden. Militante Gruppen seien aber eine Minderheit im Lager. In der Tat wirkt das Camp mit den vielen bunt gekleideten jungen Leuten, die auf Holzbänken ihre Gemüsesuppe löffeln oder im Gras ein Sonnenbad nehmen, eher wie ein alternatives Ferienlager.

Dass die meisten der Gipfelgegner durchaus friedlich sind, wissen auch die Sicherheitsbehörden. Sie fürchten Störaktionen einiger gewaltbereiter Gruppen. Die Polizei auf beiden Seiten des Rheins versucht potenzielle Randalierer schon an der Grenze abzufangen. Die deutsche Polizei hat nach Angaben eines Sprechers bisher Ausreiseverbote gegen 46 Gipfelgegner verhängt, die nach ihren Erkenntnissen zur gewaltbereiten Szene gehören.

Die französischen Behörden wiesen etwa 40 Menschen an der Grenze ab. Doch selbst mit strengsten Kontrollen könnten nicht alle gewaltbereiten Demonstranten herausgefiltert werden, weiß der baden-württembergische Polizeichef Erwin Hetger. "Die werden ihre Absichten ja nicht auf der Stirn tragen."