2008-03-06 

Das Foto des Jahres 2008: Das hätten wir dem Zufall nicht zugetraut

06. März 2008 Die Lead Awards, eine renommierte deutsche Auszeichnung für Print- und Online-Medien wurden am Mittwoch in Hamburg vergeben. Das „Foto des Jahres“ hat Daniel Rosenthal geschossen. Aufgenommen hat der junge deutsche Fotograf eine Gruppe Globalisierungsgegner.

Sie demonstrieren gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm: Wir sehen im Vordergrund drei Männer und eine junge Frau, dahinter, ineinander verknäult, weitere Jungendliche, dann die weißen Helme der Polizisten. Aus den Wasserwerfern schießt Regen herab wie bei der biblischen Sintflut; ein Regenbogen bricht in die Szene und macht aus den jungen Demonstranten fast Hirten in einer arkadischen Landschaft.

Bild: Daniel Rosenthal

Warum sehen wir dieses Bild so gerne an?

Jahrhundertelang versuchte die Malerei den Effekt zu produzieren, den eines Tages die Fotografie perfekt beherrschte: den Schnappschuss. Der Früchtekorb, der 1601 auf Caravaggios „Abendmahl in Emmaus“ vom Tisch zu rutschen droht, das Blut, das Artemisia Gentileschi 1612 aus dem Hals des geköpften Holofernes spritzen lässt - immer ging es darum, einen Augenblick, Wimpernschlag mit den unendlich langsamen Mitteln der Malerei zu fassen.

Bei der Fotografie ist es umgekehrt: An ihr, die so schnell ist und den Moment spielend leicht einfangen kann, lieben wir die malerische Monumentalität, das Stillgestellte. Das Kameraauge blickt mit Daniel Rosenthal auf eine Sekunde, die aussieht, als habe er sie an der Staffelei komponiert. Sedimente der Kunstgeschichte lagern sich in diesem Bild ab: die zerrissenen Kleider von Gustave Courbets „Steinklopfer“, Jacques-Louis Davids „Schwur der Horatier“, Josef Anton Kochs „Heroische Landschaft mit Regenbogen“.

Für so eine Lichtregie würde der kanadische Fotokünstler Jeff Wall, der sich auf Fotografien spezialisiert hat, die aussehen wie Barockgemälde, vermutlich mindestens eines seiner teuren Beleuchtungssets herschenken. Dass der Zufall so gut die Geschichte zitieren kann, das hätten wir ihm nicht zugetraut. Die Jugendlichen von Heiligendamm ins Überzeitliche zu katapultieren und in eine Reihe mit den Heroen der Geschichte zu stellen hat aber auch seinen Preis: Um Politik geht es in diesem Bild nicht mehr.

Von Julia Voss

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