2007-08-03 

taz: Attac streitet über Gewalt-Frage

Nach dem G-8-Gipfel in Heiligendamm debattiert die globalisierungskritische Organisation Grundsätzliches: Solidarität mit Steinewerfern?

Peter Wahl wusste, dass es ein schwieriger Tag für ihn werden würde, zwei Monate nachdem er als Attac-Führungsmitglied in Rostock über die Steinewerfer gesagt hatte: Mit denen wollen wir nichts zu tun haben. Er hat sich vorbereitet auf einen einsamen Auftritt auf dem Podium, hat ein Zitat des Linguisten und linken Aktivisten Noam Chomsky mitgebracht, in dem von der “Fabrikation von gesellschaftlichem Konsens” die Rede ist, und sagt: “Der Kampf um die Köpfe ist doch der Ausgangspunkt von Attac.”

Er meint die Köpfe in der gesellschaftlichen Mitte, mit denen zusammen Attac die Welt verändern könne. Doch auf der Sommerakademie in Fulda kämpft Peter Wahl um die Köpfe von 500 Attac-Aktivisten. Sie kreiden ihm an, die “Bewegung gespalten zu haben” und dass er seine Kritik nicht intern, sondern in der “bürgerlichen Presse” geäußert habe.

Neben Wahl auf dem Podium sitzt Frauke Banse, die mit “Block G 8” die Blockaden rund um Heiligendamm organisiert hat. Beim Zuhören beißt sie sich auf die Lippe. Dann sagt sie: “Peter, du hast die Polizei gelobt für ihr deeskalierendes Verhalten. Da ist mir die Klappe runtergefallen.” Und dann habe er noch im Morgenmagazin von den “friedlichen Blockaden” gesprochen, obwohl er sie gar nicht organisiert habe. “Das hat uns die ganze Radikalität weggenommen.”

Wer darf für wen in der Öffentlichkeit reden? Und wer bestimmt das Erscheinungsbild von Attac? Bei der sechsten Attac-Sommerakademie geht es um Grundsätzliches. Peter Wahl gestikuliert an diesem Nachmittag mehr als sonst, er redet sich fast in Rage: Man dürfe die Kritik nicht mit dem Spaltungsvorwurf unter den Teppich kehren, aus den Fehlern der Linken der letzten Jahrzehnte müsse man endlich mal lernen. Es gibt Applaus und Buhrufe. Attac hat seine Gewaltdebatte wieder, diesen “latenten Konflikt”, wie ihn Bewegungsforscher Dieter Rucht nennt, der immer wieder hochkomme, ohne jemals abschließend geklärt zu werden.

2001 nach den Ereignissen von Genua und Göteborg hatte man sich bei der globalisierungskritischen Organisation auf eine Position der Gewaltfreiheit geeinigt. Das Papier dazu hat Peter Wahl mitgebracht. “Das ist nicht meine Privatmeinung, das ist Attac-Konsens”, sagt er.

Wie brüchig dieser Konsens ist, erfährt er am frühen Abend in einer Arbeitsgruppe in Raum G 205 der Fachhochschule. Zwei Stunden lang reden sie aneinander vorbei: hier der Politstratege Wahl, der von “Gesprächen mit Staatssekretären”, “glaubwürdigen Signalen der Polizeiführung”, gesellschaftlicher Meinungsführerschaft und der Logik der Massenmedien spricht. Dort die zierliche Frau, die früher, wie sie sagt, für Joschka Fischer Steine gesammelt, aber nicht selbst geworfen habe, und sich über die “Provokationen der Polizei” beklagt. Oder die Frau, die sagt, dass auch die Steinewerfer Menschen seien, die man nicht ausgrenzen dürfe.

Einige bei Attac fürchten einen Linksruck als Folge des Bündnisses mit radikal linken Gruppen in der G-8-Vorbereitung. Andere fürchten, zu gesellschaftsfähig zu werden. Auf der Sommerakademie sind Letztere in der Mehrheit: Es sind diejenigen, die auch dann bereit sind im Zelt zu schlafen, wenn es wie in Fulda die ganze Zeit regnet. Sie müssen sich erst noch daran gewöhnen, dass am Abend ein Ex-CDU-Generalsekretär auf dem Podium sitzt und von Attac in der “Wir”-Form spricht.

Heiner Geißler lockt bei seinem ersten Kontakt mit der Attac-Basis fast alle 500 Teilnehmer der Sommerakademie in Halle 8. Er wird freundlich begrüßt, aber ein bisschen Misstrauen ist doch noch da. Dann erklärt er den Attaclern, dass sie für die Börsenumsatzsteuer und andere internationale Regeln zuständig sind und nicht für die Abschaffung des Kapitalismus. “Mit dem Begriff Antikapitalismus werden wir die Menschen in der Mitte nicht erreichen.”

Als Geißler nach zwei Stunden Streit aufbrechen will, lassen sie ihn nicht gehen – erst muss er noch Autogramme schreiben, als neue Mitte von Attac.

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G8 und die Folgen für Attac
Sommerakademie des globalisierungskritischen Netzwerkes: Debatte um politische Orientierung

Von Christian Klemm

In der diesjährigen Sommerakademie von Attac geht es wesentlich um die Auswertung der G8-Proteste von Heiligendamm. Auch der Umgang mit dem Schwarzen Block und eine mögliche politische Kurskorrektur stehen im hessischen Fulda auf der Tagesordnung.
Zu ihrer sechsten Sommerakademie an der Fachhochschule Fulda kommt dieser Tage das globalisierungskritische Netzwerk Attac zusammen. Zu der Tagung, die 90 Workshops, 50 Seminare und 15 Podiumsdiskussionen umfasst, erwarten die Veranstalter etwa 700 Teilnehmer. An die Akademie schließt sich am Sonntag direkt der Ratschlag des Netzwerkes an – das höchste Entscheidungsgremium von Attac.
Neben den für das Netzwerk typischen Themen wie die globale Wirtschaftspolitik und die Ökologie beschäftigt sich die Akademie in diesem Jahr unter anderem kritisch mit der kürzlich beschlossenen Privatisierung der Deutschen Bahn AG.
Nachdem Attac in der Bundesrepublik in letzter Zeit weniger gesellschaftspolitische Akzeptanz als noch in den Jahren nach seiner Gründung 2000 für sich beanspruchen konnte, scheint 2007 ein erfolgreiches Jahr zu werden. Schon während der Vorbereitung der G8-Proteste konnte der Mitgliederrückgang der letzten Jahre umgekehrt werden: Nach Auskunft von Sprecherin Frauke Distelrath verzeichnet Attac seit Ende April einen Zuwachs von rund 1700 neuen Mitgliedern. Allein in der ersten Juni-Woche, in der die Proteste in Heiligendamm und Rostock stattfanden, traten 500 neue Aktive in das globalisierungskritische Netzwerk ein.
Der Mitgliederzuwachs ist für Distelrath eher auf die Aktivitäten rund um Heiligendamm als auf die Berichterstattung vom Gipfel oder den Eintritt des prominenten CDU-Politikers Heiner Geißler zurückzuführen. Eine stärkere Öffnung von Attac gegenüber der gesellschaftlichen Mitte, die beispielsweise Peter Wahl vom Koordinierungskreis des Netzwerkes favorisiert, ist für Distelrath nicht erkennbar. Vielmehr werde die Pluralität der Mitgliederschaft des Netzwerkes durch Prominente wie Geißler ausgeweitet. Antikapitalismus und außerparlamentarischer Widerstand, was zum Beispiel Pedram Shahyar als ein Vertreter des linken Flügels immer wieder fordert, hätten nach wie vor ihren Platz. Distelrath betonte gegenüber ND die politische Breite des Netzwerks als dessen Stärke.
Über die Grenzen der Toleranz hatte es in den vergangenen Wochen allerdings Debatten bei Attac gegeben. Nach den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm hatten vor allem die Aktionen des sogenannten schwarzen Blocks und anderer Linksradikaler für Streit gesorgt. Auch die autonome Szene sei ein Teil der Globalisierungskritik und in der überwältigenden Mehrheit gewaltfrei, betonte Distelrath, die sich zugleich verärgert über über gewalttätige Proteste während der G8-Aktionswoche äußerte.
In Fulda bei der Attac-Akademie soll nun der gesamte G8-Protest ausführlich ausgewertet werden. Ein Fazit kann nach Distelraths Einschätzung nur positiv ausfallen. »Heiligendamm war ein Riesenerfolg!«, meint die Attac-Sprecherin und spricht von einer bisher einmaligen politischen Veranstaltung, die vor allem vom friedlichen Protest unterschiedlicher Aktivisten gelebt habe. Ob und inwiefern das Netzwerk eine politische Kurskorrektur vollzieht, wird die Diskussion der Aktiven in diesen Tagen auf der Akademie in Fulda zeigen.

[http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=113989&IDC=2]