2007-06-13 

G-8-Clowns und Jonglage mit Zahlen

Die Unwahrheiten der Polizei
Der Gipfel ist vorbei. Staatschefs und Demonstranten sind abgereist. Die Aufregung wegen Krawallen und Blockaden hat sich gelegt. Was bleibt, sind einige Unwahrheiten und fragwürdige Details.

Von Katja Bauer, Berlin

Wenn die Schlagzeilen kleiner werden, dann hat eine Unwahrheit es leicht zu überleben. Da ist etwa die Sache mit den Clowns. Jeder, der die Bilder von den Anti-G-8-Protesten in den Medien verfolgt hat, sah sie: Rotnasige Gestalten in abgerissener Uniform, die Polizisten Herzchen auf die Schilder klebten und gleich darauf im Stechschritt gen Zaun hasteten. Die Protestierer gehören zur "Clown Army", einer internationalen Gruppe, die ihr Auftreten als subversiven, aber friedlichen Beitrag zur Demonstration versteht. Wenig friedlich klang, was die Polizeisondereinheit Kavala meldete: Acht Beamte seien verletzt worden, weil als Clowns verkleidete Demonstranten aus Spritzpistolen eine unbekannte chemische Flüssigkeit versprüht hätten. Die Polizisten würden in der Klinik behandelt.

Schnell wehrte sich die linke Szene gegen diesen Vorwurf. Zum Instrumentarium der Clowns gehören Seifenblasen. Die Polizei erklärte nur, der unbekannte Stoff werde analysiert. Inzwischen ist erwiesen, dass es sich bei der Flüssigkeit "um keine toxischen Stoffe und um nichts mit hohem Säure- oder Basenfaktor handelt". So sagt es der Polizeisprecher Ulf Erler auf Nachfrage. "Es war wohl eher ein Haushaltsreiniger." Die Flüssigkeit habe zu "leichten Hautirritationen" geführt, die schnell wieder abgeklungen seien. Für ihn ist verständlich, dass die bespritzten Kollegen sich umgehend beim polizeiärztlichen Dienst meldeten - aus Vorsicht. Aber hat die Polizei ihre Angaben von den Chemieclowns offiziell korrigiert? "Ein Sprecher hat im Rahmen der täglichen Informationen darüber informiert."

Ähnlich lief es in einem anderen Fall: Während einer Blockade glaubten Blockierer, einen der Ihren als Zivilpolizisten aus Bremen identifiziert zu haben. Der Mann habe versucht, die Menge zu Krawallen zu provozieren, berichteten sie. Es gab ein Handgemenge, der Mann rettete sich in Richtung Polizei. Tags darauf widersprach die Kavala energisch: Der Mann sei kein Polizeibeamter.

Doch einen Tag später machte die Polizei eine Kehrtwende - da war der Gipfel fast vorbei: Der Mann sei ein Beamter aus Bremen in Zivil. Sein Einsatz habe nur der "beweiskräftigen Feststellung von Gewalttätern" gedient. Niemals habe er zu Krawallen aufgestachelt. Der Polizeisprecher Erler widerspricht der Mutmaßung, die Polizei habe anfangs gelogen. "Wir wussten zuerst selbst nicht, dass der Mann Polizist ist", sagt er. "Es gehört zum Wesen solcher Aufklärer, dass sie unerkannt arbeiten." Auf Nachfrage bei der Sondereinheit sei geantwortet worden, dass der Mann nicht dazugehöre. "Erst die oberste Ebene" habe dann festgestellt, dass der Fahnder im Auftrag der Bremer Länderpolizei da war. "Das war ein Kommunikationsfehler."

Auch unterschiedliche Interpretationen sowie Über- und Untertreibungen gehören immer dazu, wenn Demonstranten und Polizei aufeinander treffen. Das fängt schon bei den Teilnehmerzahlen an. Am Vormittag der Demonstration von Rostock berichtete ein Polizeisprecher noch von "30 000 Personen, die bereits da sind, und weiteren 30 000, die anreisen". Am Nachmittag, als es Krawalle gab, sprach die Polizei dann von 25 000 Teilnehmern. Die Veranstalter wollten dagegen die Zahl von 80 000 ermittelt haben.

Die Zahl der Verletzten wuchs am Tag nach dem Geschehen sprunghaft an. Die Polizei, die zunächst von 146 Verletzten gesprochen hatte, registrierte 433 "zum Teil schwer Verletzte". Wie sich später herausstellte, waren zwei Beamte im Krankenhaus aufgenommen worden. Kurz nachdem die Polizei die Verletztenzahl deutlich angehoben hatte, meldete das Lager der Demonstranten ebenfalls eine hohe Zahl - sie schwankte je nach Organisation zwischen 200 und 1000, Augenreizungen eingeschlossen.

Auch für Journalisten ist es im Informationsdickicht nicht leicht, den Überblick zu behalten, sich zuverlässige Quellen zu besorgen und sie auch zu benennen. Der Deutschen Presseagentur, die fast alle deutschen Zeitungen mit ihren Meldungen beliefert, unterlief bei den Krawallen von Rostock ein Fehler. In einem Bericht zitierte die Agentur einen Redner der Kundgebung mit den Worten: "Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts." Ein Redner, der zum Krieg auffordert - das berichteten tags darauf viele Zeitungen. Das Zitat ist allerdings nie gefallen. Der englische Redner Walden Bello hatte mit Blick auf die Konflikte in Irak und Afghanistan gefordert, den "Krieg in die Diskussion mit reinzubringen. Denn ohne Frieden kann es keine Gerechtigkeit geben." Auch die Übersetzung änderte daran nichts. Die Nachrichtenagentur berief sich drei Tage später in einer Entschuldigung auf einen Übermittlungsfehler.

[http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/1444693]