2007-05-29 

G8-Gipfel und der Kampf um die öffentliche Meinung

Der G8-Gipfel wirft seine medialen Schatten voraus: Sat.1 will mit einem Spielfilm zum Thema Quote machen, der NDR als Host-Broadcaster des Gipfels stichelt gegen private Fernsehsender und G8-Gegner wollen über das Internet ihre Sicht der Dinge vermitteln. Welcher Eindruck wird am Ende beim Zuschauer hängen bleiben?

Über die inhaltlichen Fragen des G8-Gipfels war bislang wenig zu sehen und hören. Es scheint als interessierten derzeit nur die geplanten Sicherheitsmaßnahmen gegen angekündigte Proteste und Demonstrationen. Schon wirkt es als sei die spannendste Frage des G8-Gipfels vom 6. bis 8. Juni in Heiligendamm, die nach möglichen Ausschreitungen. Oder wurde etwa schon Ihr Interesse für die Themen des Gipfels geweckt?
Schon die Tage vor dem G8-Gipfel zeigen, was während der kurzen Tagungszeit in Heiligendamm von noch größerer Bedeutung ist: Die mediale Präsenz. Die Bedeutung eines Themas spielt keine Rolle, wenn es um starke Bilder und interessante Storys geht. Als öffentlich-rechtlicher Hausherr im hohen Norden und Heimat der ARD-Informationssendungen übernimmt der NDR beim G8-Gipfel die Aufgabe, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, dabei aber gleich die Frage zu beantworten: Was ist wichtig?

NDR übt Kritik an journalistischen Fähigkeiten der Privaten
Es liegt in den Händen des NDR nationale und internationale Fernsehsender mit TV-Bildern von den Veranstaltungsorten zu beliefern. In der Verantwortug die Fernsehbilder aus dem Tagungs- und Wohnort der Staatschefs, dem Hotel Kempinski in Heiligendamm, zu erstellen, sieht NDR-Programmdirektor Volker Herres "eine journalistische Herausforderung, die nur der öffentlich-rechtliche Rundfunk bewältigen kann."
Die leise Kritik an den privaten Fernsehsendern und deren journalistischer Kompetenz und Kapazität ist durchaus pikant. Um ausführlich und umfassend über den Gipfel berichten zu können, denn vor Ort arbeiten mehrere deutsche Sender, auch private Kanäle, unter der also offenbar sehr selbstbewussten Federführung der Norddeutschen. "Beim NDR liegt die organisatorische, technische und redaktionelle Federführung für alle Poolbilder rund um den G8-Gipfel", betont Joachim Lampe, Stellvertretender Intendant und Produktionsdirektor des NDR, dann aber noch einmal.

Die andere Meinung: Wie G8-Gegner Öffentlichkeit schaffen
Wieviel Gehör werden Attac, Indymedia, Greenpeace, Move against G8, BUND, IG Metall, Pro Asyl, Misereor, Verdi und andere Organisationen bekommen, die eigene Aktionen geplant haben? Sicherheitshalber setzen viele der Organisationen auf das Internet: Ein Zusammenschluss unabhängiger Protestgruppen stellt z.B. Videoclips ins Netz. Hier ist die Bühne zur Selbstdarstellung unbegrenzt groß. Ob man aber genügend Publikum findet, wird sich zeigen. Es ist erst dann etwas gewonnen, wenn mit der alternativen Berichterstattung nicht nur die eigenen Anhänger erreicht werden, die die Angebote zweifelsohne nutzen werden.

Die Mehrheit wird den G8-Gipfel wohl nur in kleinen Dosen konsumieren. Am ehesten über Fernsehbilder. Die Erstellung des weltweiten TV-Signals ist eine Gemeinschaftsleistung von traditionellen Medien wie Deutsche Welle, ZDF, Phoenix, n-tv und N24. Vier Ü-Wagen und eine mobile Regie sind im Einsatz. Dazu kommen sechs digitale Satelliten-Übertragungswagen und 15 Schnittmobile. 24 Kamera-Teams sollen das Geschehen rund um den Gipfel umfassend abbilden. Umfassend ist angesichts der zahlreichen Stimmen allerdings ein schwieriges Versprechen.

G8-Gipfel auf allen Kanälen
Am Rande des internationalen Pressezentrums in Kühlungsborn hat der NDR eine TV-Bühne aufgebaut. Von dort erfolgt die Berichterstattung für das Erste, die weiteren ARD-Programme und das NDR Fernsehen. Während des Gipfels wird Anne Will die "Tagesthemen" am 6., 7. und 8. Juni live aus Kühlungsborn moderieren - am Mittwoch in der Halbzeit des Fußballspiels Deutschland - Slowakei. Auch die "Tagesschau" wird eingehend vom Gipfel aus Heiligendamm berichten. ARD-Brennpunkte können bei Bedarf von der NDR-Redaktion jederzeit realisiert werden.

Bei Sat.1 findet der G8-Gipfel übrigens bereits am heutigen Dienstagabend statt. Der lobenswerte und prominent besetzte Spielfilm "Frühstück mit einer Unbekannten" spielt in Heiligendamm und beschäftigt sich mit einem fiktiven G8-Gipfel. Politische und moralische Botschaften werden hier allerdings mit einer rührenden Liebesgeschichte verknüpft, in deren Mittelpunkt Jan-Josef Liefers und Julia Jentsch stehen.
Beim G8-Gipfel in der kommenden Woche dürfte es weniger romantisch werden. Wer die Hoheit über die Bilder und damit die Meinung der Öffentlichkeit haben wird? Der G8-Gipfel wird zum Prüfstein für das Internet als Leitmedium der Gipfel-Gegner wie auch die Souveränität des NDR, der mit dem medialen Hausrecht in Heiligendamm eine große Verantwortung trägt.

Redakteur: Thomas Lückerath
29.05.2007 - 09:55

[http://www.dwdl.de/article/news_11063,00.html]