Eine kurze Geschichte der Gipfelproteste "Die Führer scheinen irgendwie von den
Veränderungen um sie herum losgelöst
zu sein. Wir können uns das Foto
bereits vorstellen ... ein König,
umgeben von niederen Monarchen.
Das ist kein Bild der Zukunft ..."

Michael Hardt, Antonio Negri

Die Proteste gegen die G8-Treffen, gegen die Welthandelskonferenzen und Weltbanktreffen sind in den letzen Jahren ein wichtiger Kristallisationspunkt eine globalen Bewegung geworden. Zum ersten Mal kommt es während eines G8-Gipfels zu grösseren Protesten. Einen Auftakt hierzu bildet die globale Reclaim the Streets anlässlich des G8 Gipfels in Grossbritanien 1998.

G8 Birmingham 1998
Schon zuvor ist die Reclaim The Streets-Welle auf andere Länder übergeschwappt und so finden Aktionen in mehr als 40 Städten statt. In Brasilien waren 50.000 Arbeits- und Landlose auf den Strassen während in Hyderabad, Indien, 200.000 demonstrieren. 1999 ziehen 500 indische Bauern und AktivistInnen aus anderen Ländern einen Monat durch Europa. Auf unterschiedlichen Routen finden zahlreiche Demonstrationen, Diskussionsveranstaltungen, Vernetzungstreffen und Aktionen statt - oftmals gemeinsam mit europäischen AktivistInnen.

Wie global die Bewegung bereits war zeigt sich auch daran, dass die beeindruckensten Aktionen nicht in Köln selbst sondern in London stattfanden.
1999 G8 Köln
(J18 in London)
Ein Zitat aus London: "Zur Überaschung vieler von uns wurde J18 (dem 18.Juni) in London zu einem wahren spontanen 'riot of liberation' als die Leute feiernd durch das Herz des Londoner Buisness Districts tobten. Die Anzahl von Menschen, die auf einmal irgendwo auftauchten, war erstaunlich. Die Energie, Aufregung und das Gefühl von Stärke versetzten uns in einen gemeinsamen Freudentaumel. Fenster wurden eingeschlagen, Geschäfte und Bars wurden geplündert und wir tanzten, tanzten, tanzten und fielen ein (eroberten uns ), wo wir wollten, inklusive dem London Futures Trading Center. "

Auf allen Kontinenten kommt es zu Protesten, wie z.B. in Nigeria wo die Strassen von Port Harcourt, dem Ölexportzentrum, zum Stillstand gebracht werden.

Seattle markiert für viele den Beginn der globalisierungskritischen Bewegung. Die WTO dient für viele als Angriffsziel des nicht fassbaren Kapitalismus. Damit wird er nach der "Ende der Geschichte" Rethorik nach dem kalten Krieg zum ersten Mal in den Metropolen öffentlich in Frage gestellt. Dank zahlreicher Strassenblockaden findet die
WTO (Welthandelsorganisation)
in Seattle 1999
Eröffnungsveranstaltung des WTO-Gipfels vor einem leeren Saal statt. Die Polizei reagiert auf die erfolgreichen Blockaden mit massivem Einsatz von Tränengas, Pfefferspray und Schlagstöcken. Doch für die Beteiligten ist die Grösse und Vielfalt der Proteste überraschend und inspirierend und gibt vielen das Gefühl Teil einer weltweiten Bewegung zu sein. Stahlarbeiter demonstrieren mit Bauern aus Frankreich, Mexiko und Indien und Ökoaktivisten zusammen. Die persönlichen Bekanntschaften während der Proteste und der Vorbereitung führen zu einem besseren gegenseitigen Verständnis und der Entstehung von neuen Projekten.

Berichte, Fotos und Videos werden erstmals im sogenannten Indymedia Center gesammelt. Durch diese Berichterstattung von unten können weltweit unabhängig von den kommerziellen Medien sowohl die Aktionen als auch die Repression öffentlich gemacht werden. Indymedia hat sich seit dem zu einem der grössten Projekte der Bewegungen entwickelt.

Nach Prag reisen viele AktivistInnen bereits vor dem Gipfel an, um sich im Convergence Center auf Aktionen vorzubereiten. Aus den intensiven Vorbereitungen gehen drei grosse Blöcke hervor, die auf unterschiedlichen Wegen versuchen wollen, zum Kongresszentrum vorzudringen.
Prag 2000 "United Colors of Resistance"
So schaffen es viele Leute mit unterschiedlicher Taktik zum Kongresszentrum vorzudringen. Das Treffen dort kann nicht mehr planmäßig fortgesetzt werden, als viele der Teilnehmenden die bunte Menge der gegen sie gerichteten Demonstrationen von Fenstern und Brüstungen offensichtlich interessanter finden. Da das Kongresszentrum eingekreist ist, müssen sie es mit der U-Bahn verlassen. Es folgen Strassenschlachten, willkürlichen Festnahmen und massiver Gewalt von Seiten der Polizei. Der Schock darüber weicht ausgelassener Freude, als bekannt wird, dass die Konferenz vom IWF abgebrochen wurde. Daraufhin und auch wegen diverser Aktionen im Vorfeld wird auch das Weltbanktreffen in Barcelona vorzeitig abgesagt.

Mit diesem Rückenwind machen sich mehr als 200.000 Menschen auf nach Genua zum G8 Gipfel. Bereits am Vorabend findet eine Flüchtlingsdemonstration für Bewegungsfreiheit statt. Diese Demonstration lässt die sonst auf Grund der Illegalisierung meist unsichtbaren Kämpfe der Migranten sichtbar werden. Bereits in den vorangegangenen Jahren hat es diverse Aktionen für Bewegungsfreiheit und Papiere für alle gegeben. In Sans-papiers in Frankreich erreichen besonders grosse Aufmerksamkeit und in ganz Europa gibt es mehrere Grenzcamps.
Genua 2001
Dennoch findet ein Großteil der migrantischen Kämpfe im Alltag und ohne große Öffentlichkeit statt. Am Tag der Gipfeleröffnung machen sich dann verschiedene Gruppen auf den Weg, um auf ihre Art und Weise zur roten Zone vorzudringen.

Auch wenn sich mit den scharfen Schüssen, die in Göteborg auf Demonstranten abgegeben wurden, bereits eine Verschärfung der Repression abzeichnete, übertrifft die Brutalität der Carabinieri in Genua die Befürchtungen der Meisten. Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass die Tuti Bianche bereits am Treffpunkt ihres Blockes angegriffen werden, ohne sich in Richtung roter Zone bewegt zu haben.

Auch große Teile des Demozugs des pazifistischen Liliput-Netzwerks werden Opfer massiver Polizeiübergriffe. Zahlreiche Menschen werden zusammengeschlagen, verhaftet und in Polizeigewahrsam erniedrigt und gefoltert. Der Überfall auf die schlafenden Menschen in der Diaz Schule und die tödlichen Schüsse auf Carlo Guiliani prägen das Bild von Genua auch in den kommerziellen Medien.

Diese Ereignisse traumatisieren viele der Betroffenen und die Bilder und Videos schockieren große Teile der Öffentlichkeit. Die Reaktionen darauf sind vielfälltig und reichen von Resignation bis hin zur Wut.
Selbstorganisation
In den letzten Jahren kam zu den Protesten ein staerkeres Bewusstsein fuer Basisdemokratie, Autonomie, hinzu. Während des G8-Gipfels in Evian stand die Organisation eines "globalen Dorfes" im Zentrum der Proteste. Die Sozialforen in Brasilien, Indien, die europäischen Sozialforen in Italien, Frankreich und Großbritannien boten in den letzten Jahren Raum, Themen der Bewegung zu diskutieren.



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