Repression » J2 Rostock  

 "Risk Control"

Maßnahmen gegen "sicherheitskritisches Verhalten"

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  • IPO: International Permanent Observatory on Security during Major Events/ UNICRI. Services at no cost to governmental entities. IPO involvement: Beijing 2008 Olympics, G8 Japan 2008, G8 Germany 2007, G8 Russia 2006, WB/IMF Singapore 2006, APEC Vietnam 2006. “Sensible, pragmatic advice and realistic security solutions”.
  • UNICRI: United Nations entity mandated to assist intergovernmental, governmental and non-governmental organizations in formulating and implementing improved policies in the field of crime prevention and criminal justice.
  • EU-SEC: Coordinating National Research Programms on Security during Major Events in Europe, funded by European Commission
  • European Police Congress Berlin: Größte internationale Fachkonferenz für Innere Sicherheit (“Gold Sponsor”: EADS, SAP). “Treffpunkt politischer und polizeilicher Entscheidungsträger”, “internationale Prominenz aus den Führungsebenen”. Begleitende Ausstellung der führenden Hersteller von Systemlösungen, “genügend Zeit und Gelegenheit für intensive Kontakte zwischen Besuchern und Ausstellern”.
  • California Commission on Peace Officer: Crowd Management and Civil Disobedience Guidelines, Standards and Training
  • CEPOL: European Police College: Courses and Research on Public Order, Crowd Management etc.
  • Bundesministerium für Verteidigung: Einrichtungen und Institute mit wehrwissenschaftlichem Forschungsauftrag
  • European Conference on Security Research SRC ‘07
  • Fraunhofer-Verbund VVS Verteidigungs- und Sicherheitsforschung innerhalb der Fraunhofer-Gesellschaft (“Dual-Use-Forschung, Know-how-Transfer zivil / militärisch”)
  • Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology Karlsruhe
  • Sicherheitsgewerbe, Sicherheitsforschung Maßnahmen der Europäischen Kommission
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2007-06-14

JULIA NEIGELS BLICK AUF ROSTOCK

(06.06.2007) Mittwoch Morgen: 1:30. Ankunft Bahnhof Rostock. Ein langer Weg dahin: Bimmelbahn.

Drei erschöpft aussehende Organisatoren stehen vor uns, holen uns ab. Sie sind vom Bündnis MOVE AGANIST G8, kaum betraut mit dem Umgang von derartig großen Veranstaltungen, mehr mit Politik und Sozialarbeit. Meine Band ist mit dem Nightliner auf dem Weg, sie werden morgens ankommen.

Wir fahren durch die Stadt: Passantenleer – dafür Polizei an der jeder Ecke. Schaufenster mit Holz verrammelt, um das Glas und Ladeninhalt zu schützen. Auf Anfrage, was am letzten Samstag die Eskalation zwischen Demonstranten und Polizei ausgelöst hat, bekomme ich zur Antwort, dass sie es nicht sagen können. Es gibt unterschiedliche Aussagen und Meinungen. Die Stadt hätte von 5 Millionen Euro Schaden berichtet, es waren aber nur 50 000 Euro. Es wurde erst später korrigiert, aber der gehypte Skandal war schon raus. Die Presse hackt auf dem Bündnis rum, sagen sie – dabei hat nie Jemand zur Gewalt aufgerufen, nur zur friedlichen Demonstration. Sie können sich nicht erklären, woher der “schwarze Block” stammt. Propaganda gegen die Organisation, die sich hier versammelt hat, um gegen den G8-Gipfel zu protestieren, ist überall, sagt man. Es wird von Augenzeugen berichtet. Es geschah bei einem Konzert auf dem Hafenplatz. 70 000 Menschen geraten außer Kontrolle, weil im hinteren Drittel des Platzes plötzlich die Lage zwischen einigen Besuchern und der Polizei eskalierte. Ich habe die Fernsehbilder in Erinnerung. Währenddessen spielt die Band einfach weiter, keine Ansage übers Mikrofon, sagen sie. Ich frage Andere und bekomme es tatsächlich bestätigt. Die Band spielte einfach weiter, ohne etwas dazu zu sagen. Sie sagen es Alle. Ich schüttle unverständlich den Kopf. Wie kann so etwas nur einfach von den Musikern ignoriert worden sein?

Es heißt, man habe gesehen, wie Rollstuhlfahrern von Polizisten geschlagen wurde, andererseits weiß man nicht, wer sich hinter dem ” schwarzen Block” verstecke, ob Demonstranten, oder gar gezielt gestreute Unruhestifter, die die Lage eskalieren lassen sollten? Ich erinnere mich an Bilder, wo Polizisten auf sitzenden Demonstranten einschlagen. Was soll man glauben?

Ich grüble. Was ist hier wirklich los? Dreimal Kontrolle. Wir kommen im Hotel an. Noch mal Polizeikontrolle. Ich komme mir vor, wie in Fort Knox. In der Hotelhalle sprechen alle Amerikanisch. Ich bin schockiert. Die Stadt existiert praktisch nicht mehr, der Staat hat es zu politischem Sicherheitsboden gemacht. Überall ist die Präsenz der mächtigsten Politiker der Welt zu spüren, sogar in der Luft. Das halbe Weiße Haus ist einquartiert. Hubschrauber fliegen über die Stadt. Sirenengeheule. Wir gehen an die Bar, ich will Fragen stellen, Alles wissen: Bis 8 Uhr morgens erfahre ich, was bisher geschah. Ich bin schockiert. Alle wirken erschöpft und emotional wund. Es ist schon Morgens. Zwischendrin klingeln die Handys. Keiner hat geschlafen. Es gibt neue Infos. Das Camp wird belagert. Dies und das. Friedliche Sitzblockade mit Wasserwerfen beschossen. Mein Gott…

Einige Stunden später: Pressekonferenz, Interviews, Besuche in den Camps. 19 Jährige Menschen, eingeschüchtert, misstrauisch, verängstigt. Sie wollen uns kaum reinlassen, bis ich sage, wer ich bin. Ich sage, traut Euch wieder auf die Strasse, wir werden ein friedliches Fest feiern. Erleichterung in deren Augen. Sie versprechen zu kommen – wenn die Polizei sie lässt.

Stadthafen: Die Band steigt aus dem Bus. Wildes Umhergerenne. Bands aus allen Herren Länder. Große Umarmung, gute Laune, wenn noch etwas müde. “Ton, Steine, Scherben” machen ein tolles Konzert. Danach – afrikanische Musik. Draußen sitzen Menschen auf dem Platz, friedlich, bei sengender Hitze, während Mannschaftswagen mit Polizei anfahren. Sie sehen sich nicht mal mehr um.

Es ist offensichtlich, dass die Polizei nur zu gerne Konzerte der Organisation verhindern würde. Viele Rostocker blieben seit Samstag zu Hause, gehen erst wieder vor die Tür, wenn der Gipfel beendet ist, oder Herbert zum Konzert vorbeischaut und Hand in Hand Solidarität zeigt. Wird er die Demonstranten besuchen? Ich hätte zudem nicht gedacht, dass ich Polizisten aus Ludwigshafen treffen würde, die man hierher zitiert hat. Der ganze Sicherheits-Staat wurde an die Ostsee gerufen. Es fühlt sich komisch an, diese offensichtliche Machtdemonstration gegenüber Konzertzuhörern. Ich gehe auf die Bühne und sehe in tausende Gesichter, die verwirrt sind, emotional zerschlissen wirken, fast wie unter Schock stehen, die sich freuen, dass ich ihnen vorschlage, einfach mal zu feiern, an was Anderes zu denken, sich zu erholen. Ein wenig kommen andere Gedanken auf, man steht auf, tanzt, klatscht, lacht – bis das Ordnungsamt den Strom abstellt. Ich hatte 45 Minuten Zeit, den Menschen Freude zu bereiten. Immer noch bin ich irgendwie benommen, kam mir vor wie eine Krisenmanagerin unter verwundeten Menschen in einem geistigen Kriegsgebiet. Ich bin traurig darüber, dass man 150 000 000 Euro ausgeben muss, um 8 Menschen zu schützen und dabei ein ganze Stadt in Schach hält, Sperren baut, Kontrollen macht, Alle abtastet, die einfach auf der Strasse laufen. Währenddessen - Händeschütteln und Grinsen im Fernsehen. Man spricht von Durchbruch – 2050 - eventuell – und lobt sich selbst. Wow! Wir Alle lachen traurig. Währenddessen wird ein Schlauchboot von GREENPEACE einfach mal von einem Militärboot platt gewalzt. Greenpeace – Staatsfeinde, die wie ein Tier gejagt werden? Später wird man sagen, dass man Verständnis für die Interessen des Umweltschutz hat, der ja schlichtweg von selbst gekommen ist? Das soll also der Durchbruch sein? Ein 15 Millionen Euro Zaun, rund um ein Hotel? Warum sind sie nicht gleich auf eine Insel gefahren? Haben eine Festung drum herum gebaut? Was hätte man mit all dem Geld machen können? Vor einigen Monaten habe ich ein Benefiz in einer Mannheimer Kirche gegeben - gegen den Hunger von Kindern aus der Stadt. Es ist absurd. In Amerika sterben Bienenstämme, weil sie genmanipulierten Nektar nicht verarbeiten können und man redet hier von wirtschaftsfördernden Maßnahmen und der Lizenzverteilung des genkontrollierten Saatgutes unter den G8-Staaten? In Japan hatten bis vor 2 Jahrzehnten noch 40 000 Reissorten existiert – nun sind es nur noch 12… Wenn die G8-Staaten ihr Globalisierungssystem noch weiter perfektionieren wollen, blieben in einem Jahr bald nur noch 8 Sorten übrig. Die Menschheit verkünstlicht die Natur bis zur Unkenntlichkeit. Ich frage mich, wann man beim Menschen anfängt, nur noch 12 Menschenarten zu züchten, gleiche Größe, gleiche Farbe, gleiche Form? Es ist leicht, in diesen Tagen sarkastisch zu sein, beim Anblick eines Polizeiauflaufes, der beinahe die Anwohnerzahl einer Hafenstadt übersteigt.

Meine Gedanken drehen sich. Ich komme mir so hilflos vor. Wir Alle scheinen Marionetten in deren Machtspiel, ich will das nicht. Das muss aufhören. Ich bin entsetzt, dass – unabhängig der berechtigten Vorwürfe an einer kleinen Gruppe gewaltbereiter Demonstranten – eine 6-stellige Masse an Menschen in ihren Grundrechten, öffentlich gegen solche Entwicklungen, die genau bei solchen Treffen verhandelt werden, zu protestieren, derart beschnitten wird - unter den tatenlosen, aber voyeuristischen Augen der ganzen Nation. Es ist Anders als berichtet wurde: Handys der Organisatoren klingen, wenn man sie benutzt, als würden sie abgehört, es knackt, knarrt, rauscht, piepst. Alles Einbildung? Ich höre auch mal hin. Glaub ich nicht – ich bin neu und unverbraucht – keine Einbildung, wie ich finde. Komischer Sound im Hörer… Pressekonferenzen in Zelten sind voll mit ausländisch plappernden Journalisten, die sich nicht wirklich über das Gesagte Gedanken machen. Die Welt blickt auf eine Nation, Denen mit aller Macht verboten wird, einem monopolistisches Treffen – abgehalten ohne demokratischer Kontrolle und Aufsicht – kritisch zu begegnen. Wenn es ein Weltkartell-Amt gäbe, hätten sie es längst verboten. Ich kritisiere über Rednerpult die Willkür der Mächtigsten und dass man bitte aufhören möge, Monopoly mit der Welt zu spielen. Während meine Stimme durch das Pressezelt hallt, wuseln Reporter zwischen Handys und Laptops, Kameras klicken unentwegt, tuscheln, ich höre Fragen der japanischen Reporter an die deutschen Kollegen, wer ich bin. Ich versuche mich zu konzentrieren und rufe auf, die Erde für unser aller Kinder zu schützen. Ein süffisantes, resigniert aufblickendes Lächeln der Journalisten ist deren Antwort auf meine Bitte, fast so, als ob man sagen wolle, was will man schon dagegen tun? Die machen doch eh, was die wollen… Wir sind doch nur Voyeure bei Treff der Giganten. Man schreibt fleißig mit und ist immer dabei, wenn es rund geht… Eigenartiges Gefühl, hier in Rostock. An diesen Tagen – beim Aufruf an die Welt für eine bessere Welt .

Ich bin immer noch benommen…

Julia Neigel